
Wie aus einer Idee „Typisch Deutsch?!“ wurde
Am Anfang stand eine Beobachtung: Die Kostenloskultur des Internets hatte einen Preis. Viele für das Sprachenlernen brauchbare Angebote waren frei zugänglich, doch die Werbeindustrie hatte längst gelernt, diesen Umstand für sich zu nutzen. Sie bediente sich der Aufmerksamkeit, die informative und hilfreiche Internetseiten auf sich zogen, um die Nutzerinnen und Nutzer in ein anderes Reich zu führen: das große Reich des Konsums.
Die Verführer waren überall. Sie lauerten in Bannern, blinkenden Anzeigen und scheinbar passenden Empfehlungen. Sie versprachen, unsere Bedürfnisse zu kennen, noch bevor wir sie selbst formuliert hatten. Was als Informationssuche begann, endete nicht selten bei einem Produkt, das wir eigentlich gar nicht gesucht hatten.
Jahrelang war auch die Onlinepräsenz des Dudenverlags mit Fremdwerbung überfrachtet. Ein kostenloses Wörterbuchangebot sollte sich finanzieren, und die Werbung war der Preis, den die Nutzer dafür zu zahlen hatten. Auch bei Langenscheidt begegnen mir bis heute Werbeanzeigen, deren algorithmische Auswahl meinen Informationsbedarf geschickt mit vermeintlichen Konsuminteressen verknüpft.
Doch was geschieht, wenn ich gar nicht konsumieren, sondern lernen möchte? Wenn ich die Bedeutung eines Wortes suche, eine grammatische Frage klären oder wissen will, wie ein Satz ausgesprochen wird? Warum sollte ich mich ausgerechnet in diesem Moment von meinem eigentlichen Anliegen ablenken lassen?
Für mein Projekt „Typisch Deutsch?!“ lag die Antwort auf der Hand: Ich wollte den Ort zurückerobern, an dem die Ablenkung stattfand. Wörterbuch- und Grammatikseiten sollten wieder das tun dürfen, wofür Menschen sie aufrufen: Fragen beantworten.
Mein erster Schritt war deshalb ebenso einfach wie programmatisch: Ich nahm mir die Maus vor. Genauer gesagt, ich begann, ihre Funktion im Lernprozess neu zu denken.
Dort, wo der Klick meines rechten Zeigefingers mich gewöhnlich in die glitzernde Welt des Konsums führen konnte, sollte bei „Typisch Deutsch?!“ etwas anderes geschehen. Ein Klick sollte nicht vom Lernen wegführen, sondern tiefer hinein. Statt einer Werbeanzeige sollte der Nutzer die Aussprache eines Wortes hören, seine Bedeutung erfahren oder die Erklärung eines ganzen Satzes erhalten.
Die Maus sollte nicht länger das Einfallstor für Ablenkung sein, sondern zum Werkzeug des Entdeckens werden.
Aus dieser Überlegung entstand Schritt für Schritt ein anderes Verständnis digitaler Sprachvermittlung. Die Antwort sollte möglichst dort erscheinen, wo die Frage entsteht. Wörter, Sätze, Aussprache, Grammatik und Übungen sollten nicht länger voneinander getrennte Stationen sein, zwischen denen sich Lernende mühsam bewegen müssen. Sie sollten miteinander verbunden werden und sich gegenseitig ergänzen.
So begann „Typisch Deutsch?!“ nicht mit einem großen technischen Konzept und auch nicht mit dem Wunsch, einfach noch eine weitere Deutschlernplattform ins Netz zu stellen. Am Anfang stand vielmehr eine Haltung: Die Aufmerksamkeit der Lernenden gehört dem Lernen – nicht der Werbung.
Aus einer Idee wird ein Lernsystem
Aus dieser ersten Konsequenz ergab sich eine zweite: Wenn ich Lernende nicht länger von ihrem eigentlichen Anliegen ablenken wollte, warum sollte ich ihnen dann nur einzelne Antworten anbieten? Warum nicht alles unter einem Dach zusammenführen, was Menschen brauchen, um eine Sprache zu erwerben?
So wurde „Typisch Deutsch?!“ nach und nach zu einem umfassenderen Projekt. Wörterbuch, Aussprache, Wortschatzarbeit, Grammatik, Hörverstehen, Dialoge und interaktive Übungen sollten keine isolierten Angebote bleiben. Sie sollten Bausteine eines zusammenhängenden Lernwegs werden, auf dem jeder Schritt auf dem vorherigen aufbaut und den nächsten vorbereitet.
Dabei ging es mir nicht darum, möglichst viele Funktionen auf einer Internetseite unterzubringen. Entscheidend war und ist die Frage, wie sie didaktisch sinnvoll miteinander verbunden werden können. Was braucht ein Anfänger auf Niveau A1? Wie lässt sich ein neu gelerntes Wort in einen Satz einbetten, in einem Dialog wiedererkennen und schließlich in einer eigenen Äußerung verwenden? Wie können Bilder, gesprochene Sprache, Texte und Übungen einander ergänzen, statt lediglich nebeneinanderzustehen?
Die Antwort darauf sollte nicht in einem fertigen Produkt liegen, das irgendwann als abgeschlossen gilt. Ich wollte eine Lernumgebung schaffen, die wachsen kann: konsequent, schrittweise und orientiert an den tatsächlichen Bedürfnissen der Spracherwerber. Neue Module sollten nicht einfach hinzukommen, weil die Technik es ermöglicht, sondern weil sie eine erkennbare Funktion im Lernprozess erfüllen.
So entwickelte sich aus einer zunächst kleinen Idee nach und nach eine modulare Lernplattform. Jedes neue Element sollte sich in das Ganze einfügen, Bestehendes sinnvoll ergänzen und neue Wege eröffnen, Deutsch zu entdecken, zu verstehen und selbst anzuwenden.
Das Dach blieb dasselbe: „Typisch Deutsch?!“ Darunter sollte ein Angebot entstehen, das Lernende von der ersten Begegnung mit einem Wort bis zur selbstständigen sprachlichen Handlung begleitet. Nicht als unüberschaubare Sammlung von Lernmaterialien, sondern als didaktisch durchdachtes System, in dem die einzelnen Bestandteile aufeinander bezogen sind.
Der ursprüngliche Gedanke blieb dabei erhalten: Die Technik soll dem Lernen dienen, nicht umgekehrt. Und jeder neue Entwicklungsschritt muss sich daran messen lassen, ob er den Lernenden tatsächlich weiterbringt.
Und am Anfang war die Maus. – probieren Sie es aus!