Kleider machen Leute

Kleider machen Leute

von Gottfried Keller

**Episode 1: Die Ankunft in Goldach**

Wenzel Strapinski ist ein armer Schneidergeselle aus Polen. Er hat keine Arbeit und keinen einzigen Pfennig in der Tasche. Er hat nur einen großen Schatz: einen wunderschönen, eleganten Radmantel und eine vornehme Pelzmütze. Wenzel hat diese Kleidung selbst genäht. Sie sieht sehr teuer aus.

An einem kalten Novembertag geht Wenzel zu Fuß über eine Landstraße in der Schweiz. Seine Füße tun weh und er friert. Da hält plötzlich eine prächtige Kutsche neben ihm. Der Kutscher hat Mitleid mit dem eleganten Wanderer. Er lädt Wenzel ein mitzufahren.

Kurze Zeit später hält die Kutsche auf dem Marktplatz der kleinen Stadt Goldach vor dem besten Gasthaus. Der Wirt sieht den Kutscher, die edlen Pferde und vor allem den vornehmen Passagier im edlen Mantel. Alle Menschen in Goldach denken sofort: Das muss ein reicher polnischer Graf sein!

Der Wirt verbeugt sich tief. „Willkommen, gnädiger Herr! Bitte treten Sie ein!“, ruft er aufgeregt.

Wenzel hat großen Hunger. Er ist zu schüchtern, um den Irrtum aufzuklären. Er geht in das Gasthaus hinein. Die Diener bringen ihm die besten Speisen: Rebhühner, Braten und teuren Wein. Wenzel isst schweigend, aber mit großem Appetit. Die Bürger der Stadt beobachten ihn durch das Fenster und flüstern ehrfürchtig. Niemand merkt, dass der angebliche Graf nur ein hungriger Schneider ist.

**Episode 2: Der Graf wider Willen**

Am nächsten Morgen will Wenzel früh aufstehen und heimlich aus der Stadt fliehen. Er hat Angst vor der teuren Rechnung, denn er kann das Essen nicht bezahlen. Doch als er die Treppe hinuntergeht, warten schon die wichtigsten Bürger der Stadt auf ihn.

Die Ratsherren und Kaufleute laden den „Grafen Strapinski“ zu einer Runde Kartenspiel ein. Wenzel kann nicht ablehnen. Er spielt mit zitternden Händen. Zu seiner großen Überraschung gewinnt er beim Spiel eine Menge Geld! Jetzt hat er sogar Goldmünzen in der Tasche.

Bei diesem Treffen lernt Wenzel auch Nettchen kennen. Nettchen ist die hübsche Tochter des reichsten Amtsrats von Goldach. Sie hat ein gutes Herz, ist klug und sehr freundlich. Als sie Wenzel ansieht, verliebt sie sich sofort in seine edle Haltung, seine sanften Augen und seine melancholische Art.

Auch Wenzel spürt, wie sein Herz schlägt. Er hat noch nie eine so wunderbare Frau getroffen. Immer wieder denkt er: *Ich muss die Wahrheit sagen! Ich bin doch nur ein armer Handwerker.* Aber er bringt kein Wort heraus. Die Menschen behandeln ihn wie einen König, und seine Liebe zu Nettchen wird mit jedem Tag stärker. Er bleibt in Goldach gefangen in seiner neuen Rolle.

**Episode 3: Das große Verlobungsfest**

Einige Wochen vergehen wie im Traum. Wenzel wohnt immer noch im feinsten Gasthaus von Goldach. Die Bürger schenken ihm Geschenke und leihen ihm Geld, weil sie auf gute Geschäfte mit dem polnischen Adligen hoffen.

Wenzel und Nettchen verbringen viel Zeit miteinander. Sie spazieren durch den Park und sprechen über das Leben. Wenzel liebt Nettchen aufrichtig und Nettchen liebt ihn von ganzem Herzen. Schließlich hält Wenzel um ihre Hand an. Der Amtsrat gibt begeistert seinen Segen: Seine Tochter wird eine Gräfin!

Zur Verlobung wird ein riesiges Fest organisiert. Die Feier findet im Nachbardorf in einem prächtigen Gasthof statt. Der Saal ist festlich mit Kerzen geschmückt. Draußen liegt frischer Schnee und drinnen spielt die Musik. Alle vornehmen Leute der Region tragen ihre beste Kleidung.

Wenzel trägt einen neuen, feinen Anzug. Er tanzt mit seiner glücklichen Braut Nettchen. Alles scheint vollkommen zu sein. Doch die Nachbarn aus der Stadt Seldwyla haben von dem neuen Grafen gehört. Sie wollen die Verlobung besuchen und bringen eine besondere Überraschung für das Brautpaar mit.

**Episode 4: Die Maske fällt**

Mitten im Tanz öffnet sich die Tür des Festsaals mit lautem Lärm. Eine große Gruppe von Männern aus der Nachbarstadt Seldwyla betritt den Raum. Sie sind als Handwerker verkleidet und singen laute Lieder. Die Gruppe führt ein kleines Straßentheater auf.

Plötzlich tritt ein Mann vor. Es ist der Schneidermeister aus Seldwyla – Wenzels ehemaliger Chef! Er geht direkt auf Wenzel zu, zieht vor allen Gästen ein Maßband aus der Tasche und ruft laut: „Sieh mal an! Unser kleiner Geselle Wenzel! Hast du endlich deine Fingerhüte und die Nadel wiedergefunden?“

Im Saal wird es totenstill. Die Musik stoppt sofort.

Der Schneider erzählt allen Gästen die ganze Wahrheit: Der angebliche Graf ist in Wirklichkeit ein mittelloser Schneiderbursche, der vor wenigen Wochen ohne einen Cent aus Seldwyla weggelaufen ist.

Die Gäste beginnen wütend zu lachen und zu spotten. Die Bürger von Goldach schämen sich fürchterlich, weil sie sich so dumm täuschen ließen. Wenzel steht da, kreidebleich vor Scham. Er kann Nettchen nicht mehr in die Augen sehen. Verzweifelt rennt er ohne Mantel aus dem Saal in die eiskalte Winternacht hinaus.

**Episode 5: Wahre Liebe und ein Neuanfang**

Wenzel läuft durch den tiefen Schnee, bis seine Kräfte schwinden. Er bricht im Wald zusammen und will vor Schande erfrieren. Doch auf der Straße hinter ihm nähert sich ein Schlitten.

Es ist Nettchen. Sie hat die Party sofort verlassen und ist ihm gefolgt. Sie findet Wenzel halb erfroren im Schnee, hüllt ihn in warme Decken und bringt ihn zu einem Bauernhaus. Als Wenzel die Augen öffnet, weint er bitterlich. Er gesteht ihr alles: „Ich wollte dich nie belügen. Ich bin kein Graf, ich bin nur ein armer Schneider. Aber ich liebe dich über alles.“

Nettchen sieht ihn lange an. Sie erkennt, dass er kein böser Betrüger ist, sondern ein guter, ehrlicher Mensch, der in eine schwierige Situation geraten ist. Sie lächelt tapfer und sagt: „Ich heirate keinen Grafen und keine Kleider. Ich heirate dich, Wenzel!“

Nettchen nimmt ihr eigenes Erbe und verlässt mit Wenzel die Stadt. In der großen Stadt Zürich beginnen sie gemeinsam ein neues Leben. Wenzel eröffnet eine eigene Schneiderei und arbeitet fleißig. Durch sein großes Talent und seinen Fleiß wird er bald ein erfolgreicher, wohlhabender Tuchhändler – diesmal ganz ohne falsche Maske.

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