Was kann Dekodierung für den Fremdsprachenerwerb leisten?
Equal goes it loose – über den Charme und den Nutzen der Wort-für-Wort-Übersetzung

Als ich jung war, waren die realen und angeblichen sprachlichen Fehlleistungen von Heinrich Lübke in aller Munde. „Equal goes it loose“ – Gleich geht es los – oder die legendäre Formulierung „He made himself me nothing you nothing out of the dust“ sorgten für Heiterkeit. Ob der damalige Bundespräsident diese Sätze tatsächlich so gesagt hat, ist eine andere Frage. Als Beispiele für die unfreiwillige Komik wörtlicher Übersetzungen sind sie jedenfalls im Gedächtnis geblieben.
Auch im Sprachunterricht gibt es solche Momente. Wer Redewendungen Wort für Wort übersetzt, landet schnell in einer sprachlichen Parallelwelt: Da bekommt jemand kalte Füße, obwohl die Temperatur völlig normal ist. Ein anderer versteht nur Bahnhof. Und wer einem englischen Muttersprachler erzählt, er sei on the woodway – auf dem Holzweg –, wird vermutlich eher für Verwirrung als für Bewunderung sorgen.
Die wörtliche Übersetzung hat also einen zweifelhaften Ruf. Sie kann komisch, schief oder schlicht falsch sein. Gleichzeitig hat die Kommunikationstrainerin Vera F. Birkenbihl aus dem Prinzip der Wort-für-Wort-Übersetzung eine eigene Methode des Sprachenlernens entwickelt.
Was auf den ersten Blick wie eine sprachliche Spielerei erscheint, wirft damit eine durchaus ernsthafte didaktische Frage auf:
Kann es beim Erlernen einer Fremdsprache hilfreich sein, einen Satz zunächst so zu betrachten, als würde man seine Bestandteile einzeln entschlüsseln, bevor man ihn als Ganzes versteht?
Wenn die Übersetzung sichtbar macht, was wir sonst überlesen
Nehmen wir einen einfachen Satz:
Am Samstag steht Lena um acht Uhr auf.
Die natürliche englische Übersetzung lautet:
On Saturday, Lena gets up at eight o’clock.
Beide Sätze sagen ungefähr dasselbe. Doch sie funktionieren nicht auf dieselbe Weise. Im Deutschen wird das trennbare Verb aufstehen im Hauptsatz auseinandergezogen: Die konjugierte Verbform steht steht an zweiter Stelle, während die Vorsilbe auf am Satzende erscheint. Im Englischen bilden gets und up eine zusammengehörige Verbverbindung, die ebenfalls durch die Satzstruktur geprägt ist.
Für Lernende ist das nicht unbedingt selbstverständlich. Sie können jedes einzelne Wort kennen und trotzdem Schwierigkeiten haben, den Satz als Ganzes zu verstehen oder selbst zu bilden.
Eine Wort-für-Wort-Dekodierung kann hier eine zusätzliche Perspektive eröffnen:
| Deutscher Satzabschnitt | Englische Entsprechung bzw. Strukturhilfe |
|---|---|
| Am Samstag | On Saturday |
| steht Lena | Lena gets up – die deutsche Wortstellung weicht ab |
| um acht Uhr | at eight o’clock |
| auf | Bestandteil des trennbaren Verbs aufstehen; im Englischen Teil der Verbindung gets up |
Diese Darstellung ist bewusst keine gewöhnliche Übersetzung. Sie soll auch nicht dazu verleiten, englische Sätze nach deutschen Regeln zu bilden. Vielmehr lenkt sie den Blick auf die Struktur: Was gehört zusammen? Wo steht das Verb? Welche Funktion hat die Vorsilbe? Wie unterscheiden sich die beiden Sprachen?
Die natürliche Übersetzung beantwortet vor allem die Frage, was der Satz bedeutet. Die Dekodierung kann zusätzlich dazu anregen, zu untersuchen, wie er gebaut ist.
Und manchmal beginnt Lernen genau dort: wenn etwas, das bisher selbstverständlich erschien, plötzlich auffällt.
Die eigene Sprache als Sprungbrett
Wer eine neue Sprache lernt, beginnt nicht bei null. Wir bringen sprachliche Erfahrungen mit, haben Vorstellungen davon, wie Sätze funktionieren, und greifen auf bereits bekannte Muster zurück. Diese Erfahrungen können hilfreich sein – sie können uns aber auch in die Irre führen.
Ein englischsprachiger Lernender muss beispielsweise erkennen, dass das deutsche Verb im Hauptsatz häufig an zweiter Stelle steht, während bei trennbaren Verben ein Teil des Verbs am Satzende erscheinen kann. Ein Lernender mit einer anderen Erstsprache wird wiederum andere Gemeinsamkeiten und Schwierigkeiten entdecken.
Die Dekodierung kann solche Unterschiede sichtbar machen. Sie lädt dazu ein, die eigene Sprache nicht nur als Hindernis, sondern als Ausgangspunkt für Beobachtungen zu nutzen.
Dabei geht es nicht darum, jeden deutschen Satz zunächst in die Muttersprache zu übersetzen. Ein solches Verfahren wäre im Alltag zu langsam und könnte die unmittelbare Sprachverarbeitung sogar behindern. Interessant ist vielmehr der gezielte Einsatz: an Stellen, an denen Lernende über eine Struktur stolpern, ein Muster erkennen oder eine grammatische Besonderheit verstehen sollen.
Gerade bei trennbaren Verben, der Wortstellung, längeren Satzgefügen oder festen Wendungen kann eine solche Gegenüberstellung neue Einsichten ermöglichen.
Die entscheidende Frage lautet dabei nicht, ob sich jedes deutsche Wort durch ein Wort in der jeweiligen Muttersprache ersetzen lässt. Das ist häufig gar nicht möglich. Entscheidend ist, ob die Gegenüberstellung einen Unterschied sichtbar macht, der für das Verständnis oder die eigene Sprachproduktion wichtig ist.
Vom Lachen über Sprache zum Nachdenken über Sprache
Die Komik wörtlicher Übersetzungen beruht häufig darauf, dass wir zwei unterschiedliche Ordnungssysteme miteinander kollidieren lassen. Wir übertragen ein vertrautes Muster in eine andere Sprache und merken plötzlich, dass es dort nicht funktioniert.
Das kann mehr sein als ein unterhaltsamer Moment im Unterricht. Es kann ein Anlass sein, genauer hinzusehen.
Warum kann man im Deutschen jemandem die Daumen drücken, während andere Sprachen dafür ganz andere Bilder verwenden? Warum lässt sich Ich verstehe nur Bahnhof nicht sinnvoll Wort für Wort übertragen? Und warum kann das englische to make a decision nicht einfach mit einer beliebigen deutschen Kombination aus machen und Entscheidung wiedergegeben werden?
Solche Beispiele zeigen, dass Sprache nicht aus austauschbaren Einzelwörtern besteht. Wörter verbinden sich zu Mustern, Wendungen und grammatischen Strukturen, deren Bedeutung sich nicht immer aus den einzelnen Bestandteilen ergibt.
Hier muss die Dekodierung allerdings sorgfältig eingesetzt werden. Gerade bei Redewendungen kann eine wörtliche Übersetzung in die Irre führen, wenn sie nicht als solche gekennzeichnet und durch die tatsächliche Bedeutung ergänzt wird.
Eine Dekodierung ist also nicht automatisch eine gute Übersetzung. Ihr Wert liegt vielmehr darin, dass sie einen Gegenstand der Betrachtung schafft: Lernende können untersuchen, welche Bestandteile zusammengehören, welche sprachlichen Bilder verwendet werden und wo sich die Regeln der beiden Sprachen unterscheiden.
Die produktive Frage lautet nicht: Wie übersetze ich jedes Wort? Sondern: Was verrät mir der Vergleich über die Funktionsweise der beiden Sprachen?
Warum Dekodierung und aktives Üben zusammengehören
So reizvoll die Analyse eines Satzes sein mag: Wer eine Sprache lernen will, muss sie auch benutzen. Eine Person kann eine grammatische Struktur verstanden haben, ohne sie im Gespräch spontan anwenden zu können.
Deshalb halte ich die Verbindung von Dekodierung und aktivem Sprachtraining für besonders interessant.
Lernende könnten zunächst Satzbausteine in die richtige Reihenfolge bringen. Anschließend wechseln sie zur Wort-für-Wort-Dekodierung und untersuchen den Satz genauer. Danach bilden sie einen ähnlichen Satz selbst oder verwenden die Struktur in einem kleinen Dialog.
Aus einer zunächst eher analytischen Beschäftigung wird so ein Lernprozess:
Satz bilden – Struktur entdecken – Unterschiede erkennen – selbst anwenden.
Die Dekodierung ist dabei weder der Ausgangspunkt für jeden Lernschritt noch das Ziel des Lernens. Sie ist ein Werkzeug, das an der richtigen Stelle helfen kann, sprachliche Muster bewusster wahrzunehmen.
Besonders sinnvoll erscheint mir eine solche Verbindung, wenn Lernende nicht nur eine Erklärung lesen, sondern selbst etwas tun können. Sie probieren eine Satzstruktur aus, erhalten Rückmeldung, betrachten anschließend die sprachlichen Bestandteile und wenden das erkannte Muster in einem neuen Zusammenhang an.
So wird aus einer bloßen Übersetzungshilfe eine Möglichkeit, das eigene Sprachwissen zu erweitern.
Was digitale Lernumgebungen daraus machen können
Digitale Lernangebote eröffnen die Möglichkeit, unterschiedliche Lernhandlungen unmittelbar miteinander zu verbinden. Eine Lernende kann einen Satz zusammensetzen, ihre Lösung überprüfen und anschließend zur Dekodierung wechseln. Sie muss nicht erst eine Grammatikseite suchen oder eine Erklärung lesen, sondern kann den Zusammenhang am gerade bearbeiteten Beispiel untersuchen.
Bei der Entwicklung von Typisch Deutsch?! habe ich deshalb den bestehenden Satzbau-Trainer um einen Wort-für-Wort-Modus erweitert. Beide Ansichten greifen auf dieselben Satzkennungen zurück. Dadurch bleibt der bearbeitete Satz beim Wechsel zwischen den Modi erhalten. Zusätzlich lassen sich natürliche Übersetzungen und Strukturhilfen für verschiedene Anwendungssprachen hinterlegen.
Das ist mehr als ein technisches Detail. Es ermöglicht, zwei unterschiedliche Zugänge zum selben Lerngegenstand miteinander zu verbinden: Auf der einen Seite steht die aktive Aufgabe, einen Satz zu bilden. Auf der anderen Seite steht die analytische Beschäftigung mit seiner Struktur. Lernende können zwischen beiden Perspektiven wechseln, ohne den Zusammenhang zu verlieren.
Ein Anwendungsbeispiel zum Ausprobieren:
Ein ganz normaler Tag – Typisch Deutsch?!
Das Beispiel veranschaulicht, wie sich Satzbildung und Dekodierung in einer digitalen Lernumgebung miteinander verbinden lassen. Lernende können eine sprachliche Struktur zunächst praktisch bearbeiten und sie anschließend aus einer anderen Perspektive betrachten.
Damit ist allerdings noch nicht bewiesen, dass diese Kombination zu besseren Lernergebnissen führt. Ob Lernende damit tatsächlich schneller, nachhaltiger oder sicherer lernen, müsste in der Praxis untersucht werden. Dabei wäre auch zu prüfen, welche Lernenden von der Dekodierung profitieren, bei welchen sprachlichen Phänomenen sie besonders hilfreich ist und wann sie eher ablenkt.
Die interessante Perspektive liegt für mich darin, dass eine digitale Übung nicht nur eine richtige oder falsche Antwort liefern muss. Sie kann Lernenden auch helfen, Fragen an die Sprache zu stellen.
Eine Methode mit Potenzial – aber kein Königsweg
Wort-für-Wort-Dekodierung wird den Fremdsprachenerwerb nicht revolutionieren. Sie ersetzt weder das Hören und Sprechen noch das Lesen, Schreiben und die Begegnung mit authentischer Sprache. Auch kann sie zu falschen Vorstellungen führen, wenn die wörtliche Strukturhilfe mit einer korrekten Übersetzung verwechselt wird.
Richtig eingesetzt, kann sie jedoch einen zusätzlichen Zugang eröffnen: Lernende betrachten Sprache nicht nur als etwas, dessen Bedeutung sie entschlüsseln müssen, sondern auch als ein System, dessen Strukturen sie entdecken können.
Ihr Nutzen hängt dabei von mehreren Faktoren ab: vom sprachlichen Phänomen, vom Lernstand, von der Erstsprache und nicht zuletzt davon, wie die Dekodierung didaktisch eingebettet wird. Sie sollte nicht mechanisch jedes Wort abbilden, sondern dort eingesetzt werden, wo sie einen Erkenntnisgewinn verspricht. Und sie sollte immer mit einer verständlichen Bedeutung und möglichst mit einer Gelegenheit zur eigenen Anwendung verbunden sein.
Vielleicht liegt gerade darin der Reiz dieses Verfahrens. Ausgerechnet die Methode, die uns bei „Equal goes it loose“ zum Lachen bringt, kann uns daran erinnern, wie unterschiedlich Sprachen die Welt ordnen und ausdrücken.
Und damit kehren wir zu einer Frage zurück, die im Fremdsprachenunterricht viel zu selten ausdrücklich gestellt wird:
Nicht nur: Was heißt dieser Satz? Sondern auch: Warum sagt man das in dieser Sprache gerade so?